Rede unserer Stadtverordneten Basak Taylan-Kiran zum Thema Frauenhaus

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher, meine Damen und Herren,

ich wollte Ihnen heute eigentlich von der Istanbul-Konvention erzählen, die Anfang 2018 in Deutschland in Kraft getreten ist und den Zweck verfolgt, Gewalt gegen Frauen und Kinder zu verhüten und zu bekämpfen. Ich wollte Ihnen auch den Regelungsinhalt des Artikels 23 der Konvention vorstellen und darlegen, weshalb es wichtig ist, mehr Raum für das Frauenhaus zu schaffen und warum die Plätze aktuell zu wenige sind.

Abschließend wollte ich Ihnen noch erzählen, wie die ersten Frauenhäuser entstanden sind, wie unser Offenbacher Frauenhaus 1993 eröffnet wurde und natürlich über die wichtige Arbeit des Vereins Frauen helfen Frauen e.V., der als Träger des Hauses unersetzliche Arbeit leistet.

Ich habe mich jedoch dazu entschlossen Ihnen einfach einige Zahlen vorzulesen. Zahlen, Statistiken und Auswertungen können manch einen langweilen und einem uninteressant vorkommen, nicht so diese hier. Sie lassen einen aufschreien, verstummen oder verzweifeln, denn hinter diesen Zahlen stecken Leben und Schicksale von Frauen, die wir als Gesellschaft nicht schützen konnten und denen ein selbstbestimmtes gewaltfreies Leben erschwert oder unmöglich gemacht wurde:

Schauen wir uns beispielsweise die Statistik aus dem Jahr 2019 an zur Partnerschaftsgewalt in Deutschland an:

  • versuchte oder vollendete Vorsätzliche, einfache Körperverletzung gegen Frauen: 69.012 Fälle
  • Gefährliche Körperverletzung: 11.991 Fälle
  • Bedrohung, Stalking, Nötigung: 28.906 Fälle
  • Freiheitsberaubung: 1514 Fälle
  • Mord und Totschlag: 301 Fälle
  • Vollendeter Mord und Totschlag: 117 Fälle

Das heißt, dass im Schnitt an jedem dritten Tag in Deutschland eine Frau stirbt!

Etwa Jeden Tag wird eine versuchte Tötung einer Frau polizeilich registriert.

Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen.

Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner.

Familiendrama, Blutiges Ende einer Ehe, Tötung aus Eifersucht – oder blutiges Beziehungsdrama – so werden diese Taten in den Medien betitelt und damit bagatellisiert.

Denn diese Frauen werden nicht verletzt oder getötet, weil sie sich scheiden lassen oder trennen wollen, oder der Partner eifersüchtig ist, sondern weil sie Frauen sind. Wir müssen Gewalt gegen Frauen beim Namen nennen, sensibilisieren, beraten, aufklären – immer und überall. Gewalt gegen Frauen ist kein privates Tabuthema, das sich hinter vier Wänden abspielt und in das man sich besser nicht einmischt. Gewalt gegen Frauen geht uns alle an und passiert überall, in allen Schichten. Ich bin mir sicher, dass jede:r von Ihnen mindestens eine Frau kennt, die schon mal davon betroffen war. Und falls sie das für sich Verneinen können: Die Zahlen legen nahe, dass sie eine kennen müssten. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch viel höher, da das Thema sehr schambesetzt ist und nicht alle Frauen darüber sprechen können.

Es ist unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe Frauen, die von Gewalt betroffen sind zu schützen. Wir müssen ihnen einen sicheren Zufluchtsort anbieten und starke Strukturen schaffen, damit sie sich allein und heraus gerissen aus ihrem sozialen Umfeld ein neues Leben hier aufbauen können. Dazu gehört es auch eine Wohnung und eine Arbeit zu finden.

Aktuell haben wir nur 12 Plätze im Frauenhaus, das ist zu wenig. Wir brauchen mehr! Und aktuell haben es Frauen aus den Frauenhäusern sehr schwer eine Wohnung zu finden und das Frauenhaus zu verlassen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Auch hier muss sich etwas ändern.

Deshalb hoffe ich, dass Sie dem Antrag der Koalition alle zustimmen werden. Dem Ergänzungsantrag der CDU werden wir natürlich auch zustimmen, auch wenn wir die Beteiligung des aktuellen Trägers eigentlich als selbstverständlich ansehen.

Vielen Dank!

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