Rede in der Stadtverordnetenversammlung am 26.05.2026
Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher, liebe Kolleg*innen,
eine neue Koalition hat sich gebildet. Und wenn sich Mehrheiten verändern, dann verändert sich auch der Magistrat. Das ist parlamentarische Normalität und wir haben das selbst so gehandhabt, als wir Verantwortung getragen haben. Deshalb ist es selbstverständlich, dass eine neue Koalition ihre eigenen Dezernent*innen einsetzen möchte. Ich werde heute nichts über die neu zu wählenden Dezernent*innen sagen. Das steht heute nicht im Zentrum. Nur so viel: Ich wünsche ihnen zum Wohle unserer Stadt Erfolg und ein feinesGespür für die richtigen Entscheidungen.
Worüber ich aber sprechen werde, ist, was es bedeutet, wenn jemand wie Sabine Groß dieses Amt verlässt. Denn das ist ein Verlust für Offenbach.
Sabine Groß hat in diesen Jahren wichtige Impulse gesetzt und Offenbach in zentralen Bereichen geprägt. Sie hat Offenbach als wachsende Stadt gedacht – mit der Frage: Wie bleibt diese Stadt lebenswert für alle, die hier wohnen? Sie hat Entscheidungen getroffen, die im Alltag der Menschen spürbar sind. Sie hat Strukturen aufgebaut, die hoffentlich bleiben, auch wenn Mehrheiten wechseln. Sie hat immer darauf geachtet, dass diese Stadt zusammenhält – gerade dort, wo die Herausforderungen am größten sind. Und sie hat das getan mit einer Haltung, die man nicht verordnen kann: mit Ruhe, mit Ernsthaftigkeit und mit Respekt vor den Menschen, die von unseren Beschlüssen betroffen sind.
Ein großer Teil ihrer Arbeit bestand darin, Offenbach strukturell auf die kommenden Jahre vorzubereiten.
So hat Sabine Offenbach bereit gemacht: für Hitze, für Starkregen, für Wasserknappheit, für die Realitäten des Klimawandels. Unter ihrer Verantwortung wurde das Schwammstadtprinzip in der Verwaltung verankert. Das bedeutet ganz konkret: Wasser in der Stadt halten, statt es schnell abzuleiten, Flächen entsiegeln, Dächer und Fassaden begrünen, Bäche renaturieren, Wohngebiete abkühlen. Die Niederschlagswassersatzung, die Entsiegelungsprogramme, die Renaturierung von Bieber und Hainbach, die kommunale Wärmeplanung – all das sind Bausteine einer Stadt, die vorbereitet ist auf das, was kommt.
Mit dem Wasserkonzept wurde erstmals klar festgehalten, welche Risiken es für die Trinkwasserversorgung gibt, wenn Bevölkerung wächst und Trockenjahre zunehmen. Das ist eine deutliche Warnung und eine Handlungsanleitung.
Mit dem Waldkonzept wurde der Stadtwald zum ersten Mal nicht nur als forstwirtschaftliche Fläche betrachtet, sondern als echter Klimafaktor, als Naherholungsgebiet, als Lebensraum für Tiere und Pflanzen.
Sabine Groß hat weiterhin dafür gesorgt, dass wir im Klimaschutz nicht länger im Ungewissen arbeiten. Offenbach hat heute eine CO2‑Bilanz, Messstellen für Luftqualität, Hitze und Feinstaub und ein Sensornetzwerk, das kontinuierlich Umwelt- und Klimadaten liefert. Entscheidungen treffen wir in Offenbach damit auch in Zukunft auf einer verlässlichen Datenbasis.
Auch in der Mobilität hat unsere Bürgermeisterin eine klare Linie verfolgt. Sie hat Mobilität als Frage der Sicherheit und der Lebensqualität verstanden. Unter ihrer Verantwortung wurde ein Verkehrsentwicklungsplan erarbeitet, ein Masterplan Mobilität, der auf Beteiligung und Daten basiert. Im Stadtbild sieht man das an vielen Stellen: Carsharing-Stationen; Ladesäulen für E-Autos; Radwege, die sicherer geworden sind; Schulwege, die neu geordnet wurden.
Und sie hat sich früh und mit Nachdruck dafür eingesetzt, dass Offenbach beim Umstieg auf Elektromobilität nicht abwartet, sondern die Chancen nutzt. Unter ihrer Verantwortung wurden die ersten E‑Busse beschafft – zu einem Zeitpunkt, als die Förderquoten noch deutlich höher waren. Das war finanziell klug und ökologisch sinnvoll: Die E‑Busse reduzieren den CO2-Ausstoß, verbessern unsere Luftqualität, weil sie lokal kein NOx und keinen Motorfeinstaub ausstoßen, sie sind leiser und effizienter im Betrieb. Und es war auch energiepolitisch eine vorausschauende Entscheidung: In Zeiten von Energiekrisen ist es ein Vorteil, wenn der Kraftstoff unserer Busse nicht durch den Golf von Hormus kommen muss, sondern hier vor Ort erzeugt oder bezogen werden kann. Der hohe Anteil an E‑Bussen, steigende Fahrgastzahlen und die erfolgreiche Reorganisation der OVB: Das alles zeigt, dass sie Mobilität als Zukunftsaufgabe verstanden hat.
Auf Grundlage dieser strukturellen Entscheidungen wurde Politik spürbar – im Alltag von Kindern, Familien und vielen Menschen in dieser Stadt.
Sichtbar wurde das etwa in der Kinder- und Familienpolitik. Offenbach ist eine Stadt, in der Kinder sehr unterschiedlich aufwachsen, und viele von ihnen unter Bedingungen, die ihnen das Leben schwer machen, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Sabine hat in diesen Jahren dafür gesorgt, dass aus dieser Erkenntnis konkrete Politik wird. Zum ersten Mal überhaupt, wurde ein städtisches Angebot für queere Jugendliche und junge Erwachsene geschaffen. Unter ihrer Verantwortung wurde der tausendste neue Kitaplatz geschaffen, weitere Plätze sind in Planung. Das ist nicht einfach eine Zahl, es bedeutet ganz konkret, dass viele Kinder einen Platz bekommen und deren Eltern ihren Alltag organisieren können.
Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit war die Gesundheit – besonders sichtbar in der Corona-Pandemie. In dieser Zeit mussten Entscheidungen getroffen werden, die tief in den Alltag der Menschen eingegriffen haben. Sabine hat in dieser Krise nicht gezögert. Sie hat mobile Impfangebote ermöglicht, Selbsttests in Kitas organisiert, Netzwerke mit Sportvereinen, Migrant*innenorganisationen und Religionsgemeinschaften aufgebaut, um möglichst viele Menschen zu erreichen – gerade auch diejenigen, die sonst oft übersehen werden.
Wichtig war Sabine Groß immer auch der direkte Kontakt zu den Menschen: Bürgersprechstunden, Gespräche vor Ort, Bürgerbeteiligungen. So hat sie sich auch bei Projekten persönlich eingebracht – etwa beim Radweg in der Frankfurter Straße oder der Fahrradstraße in der Hospitalstraße, bei denen sie sich vor Ort dafür eingesetzt hat, dass tragfähige Lösungen gefunden wurden. Und sie hat Offenbach über die Stadtgrenzen hinaus vertreten: im Präsidium und in Ausschüssen des Hessischen Städtetags, als Vorsitzende des Klimaausschusses. Sie hat Impulse aus Offenbach in die Landesebene getragen – und umgekehrt Ideen von dort in unsere Stadt geholt.
All diese Maßnahmen zeigen, wie sehr ihr daran lag, den Alltag der Menschen konkret zu verbessern.
Ein weiterer zentraler Teil ihrer Arbeit galt dem sozialen Zusammenhalt und der Frage, wie Offenbach allen eine gerechte Chance geben kann.
Weil in Offenbach überdurchschnittlich viele Menschen von Armut betroffen sind, hat Sabine Groß gezielt Strukturen aufgebaut, die Familien entlasten und Chancen verbessern. So hat sie sich stark für einen Aktionsplan gegen Kinderarmut mit entsprechendem Budget eingesetzt und den Beschluss dann federführend umgesetzt – ämterübergreifend, mit vielen Akteuren und einer Stabsstelle Prävention im Jugendamt. Daraus sind ganz konkrete Angebote entstanden: kultursensible Workshops für Familien, Elterncafés und Eltern‑Kind‑Gruppen im Lauterborn, ein regelmäßiges Essensangebot im Sozialraum Neusalzer Straße, Mittagstische oder Hausaufgabenhilfe. So wird Kindern und Familien echte Unterstützung zuteil.
Ein großer Schritt war auch der Blick über die Kita hinaus: Mit der Jugendhilfe an Grundschulen hat Sabine eine Unterstützungsstruktur geschaffen, die Kinder und Familien früh erreicht – und zwar genau dort, wo sich entscheidet, ob Bildungswege gelingen oder abbrechen.
Sabine Groß hat immer betont, dass gerade die Stadtteile, in denen Kinder es am schwersten haben, die besten Einrichtungen brauchen. Und so hat sie mit der Weiterentwicklung des Jugendzentrums Lauterborn zu einem Familienzentrum ein Modell auf den Weg gebracht, in dem Freizeit, Beratung und Unterstützung unter einem Dach zusammenkommen, mitten im Viertel. Sie hat die Hiobsbotschaft – die am Beginn ihrer Dezernentinnen-Tätigkeit stand -, dass das JUZ Lauterborn marode ist, als Chance für das Viertel genutzt – in diesem Juni wird das Familienzentrum offiziell eröffnet.
All diese Entscheidungen haben Teilhabe, sozialen Zusammenhalt und Zukunftschancen ermöglicht.
Wenn wir heute über die Abwahl unserer Bürgermeisterin sprechen, dann sollten wir auch darüber sprechen, was jetzt nicht verloren gehen darf. Denn ein Wechsel der Regierung darf keinesfalls ein Rückschritt für die Stadt sein. Wir müssen die Maßnahmen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung beibehalten und den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Die Schwammstadt, das Wasserkonzept, das Waldkonzept, die Wärmeplanung – das sind keine grünen Projekte, die man je nach politischer Farbe hoch- oder runterfahren kann. Wer das infrage stellt, gefährdet die Zukunftsfähigkeit dieser Stadt. Denn es geht dabei um den Schutz von Gesundheit und eines guten Lebens der Menschen hier – und darum, Offenbach langfristig widerstandsfähig und handlungsfähig zu halten. Übrigens auch ein entscheidender Faktor für das Halten und die Neuansiedlung von Unternehmen, wie uns immer wieder aus der Wirtschaft bestätigt wurde.
Wir müssen an einer Mobilitätspolitik festhalten, die Sicherheit, Gesundheit und Teilhabe gerade für die schwächsten Verkehrsteilnehmenden in den Mittelpunkt stellt, die Schulwege so gestaltet, dass Kinder geschützt unterwegs sind, die einen starken, verlässlichen ÖPNV sichert, die die beschlossene Vereinbarung mit dem Radentscheid weiter umsetzt, um eine echte Gleichberechtigung von allen Verkehrsarten herzustellen. Also, eine Mobilitätspolitik, die Belastungen reduziert: weniger Lärm, weniger Abgase, bessere Luft für alle. Das ist die Mobilität, die diese Stadt und ihre Menschen brauchen. Wer hier Abstriche macht, trifft die Menschen, die jeden Tag auf sichere Wege und verlässliche Verbindungen angewiesen sind, sehr hart.
Und keinesfalls dürfen wir in Zukunft die soziale Infrastruktur vernachlässigen, die Kinder und Familien trägt. Die Wachsamkeit für benachteiligte Kinder vom frühen Kindesalter bis zum Übergang in den Beruf. Die Jugendhilfe an Grundschulen, die Familien früh erreicht. Die Fortführung der queeren Jugendarbeit. Das Familienzentrum, das Beratung und Unterstützung niedrigschwellig anbietet. Der Aktionsplan gegen Kinderarmut, der tragfähige Strukturen geschaffen hat. Wer diese Angebote schwächt, verschiebt Probleme in die Zukunft und vergrößert sie noch dazu. Denn diese Dinge sind allesamt Grundvoraussetzungen für eine soziale Stadt.
Als führende Oppositionsfraktion werden wir Grünen sehr genau darauf achten, dass diese Fortschritte nicht zurückgedreht werden.
Sabine hat in ihrer Zeit in dieser Stadt ihre Spuren hinterlassen. Sie hat sie sicherer gemacht, gerechter, widerstandsfähiger. Sie hat die Basis gelegt, auf denen andere weiterbauen können – wenn sie es wollen. Ich bin ihr dankbar für ihren unermüdlichen Einsatz, für ihr Engagement und für die Entschlossenheit, mit der sie Offenbach mitgestaltet hat. Sabine ist eine echte Offenbacherin – und sie hat sich um diese ihre Heimatstadt in den vergangenen Jahren in einer Weise verdient gemacht, die bleibt.
Ich danke aber ausdrücklich auch den Menschen in den Ämtern, die diese Arbeit mitgetragen haben, und den Koalitionspartner*innen der vergangenen Jahre, mit denen wir gemeinsam viel erreicht haben. Der neuen Koalition wünsche ich kluge Entscheidungen, Mut und Zuversicht. Offenbach braucht das.
Und ich wünsche Sabine erstmal Zeit. Für sich, für die Arbeit mit Holz oder mit Bienen, mehr Zeit im Stadion, auf dem Fahrrad oder mit Freunden. Und dass sie noch lange auf ihre Erfolge und das, was sie hier erreicht hat, zurückblicken kann. Und dass die Menschen ihren Beitrag für diese Stadt nicht vergessen. Auch wenn sie dann vielleicht schon irgendwo anders arbeitet, mitdenkt, mitgestaltet und sich engagiert. Offenbach wird für sie immer Heimat bleiben – die Stadt, in der ihre Wurzeln liegen und für deren Entwicklung sie sich auch künftig interessieren wird, ganz gleich, wohin ihr Weg sie führt.
Sabines Abwahl ist ein Verlust für Offenbach, daher sind alle Verantwortlichen gut beraten, wenn das, was sie hier aufgebaut hat, erhalten wird. Und das ist mehr, als viele andere in einem politischen Leben erreichen.
Vielen Dank.